Braunkohle-Tagebaue bedrohen Berliner Trinkwasser: Sulfatwerte steigen besorgniserregend

12.05.2016

Das Berliner Trinkwasser ist von der Qualität her eines der besten in ganz Deutschland. Wie lange das noch so bleibt, ist jedoch unklar. Denn eine nicht sichtbare Substanz namens Sulfat aus den Brandenburger Tagebauen bedroht das kostbare Nass in der Hauptstadt. Durch Verwitterungsprozesse in den Braunkohlegebieten wird das Sulfat ausgespült. Mit der Spree werden die gelösten Substanzen aus der Lausitz nach Berlin geschwemmt. Die Salze oder Ester der Schwefelsäure sind an sich nicht giftig, führen aber in höheren Konzentrationen zu Durchfallerscheinungen. Daher hat der Gesetzgeber einen Grenzwert von 250 mg/l beim Trinkwasser festgelegt. Berliner und Brandenburger Wasserwerke müssen für dessen Einhaltung sorgen.

Für Gewässer, aus denen das Trinkwasser gezogen wird, gibt es hingegen keine Grenzwerte. In Berlin wird zu etwa 70 Prozent des Trinkwassers als Uferfiltrat aus den Flüssen Havel und Spree gewonnen, daher schlagen nun auch Umweltverbände Alarm. Einer aktuellen Untersuchung des Berliner Landesverbands des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND Berlin) vom Dezember 2014 zufolge steigt die Sulfatbelastung auch in Berliner Gewässern wie Dahme, Müggelspree und Stadtspree seit 1996 besorgniserregend an. Demnach wurde bereits im Frühjahr 2014 eine Sulfatbelastung von 244 mg/l in der Berliner Spree gemessen. Unter bestimmten Bedingungen könnte dort schon 2015 der Grenzwert von 250 Milligramm Sulfat je Liter überschritten werden, warnte der BUND-Wasserexperte Winfried Lücking. Werde nicht gegengesteuert, reiche die Gewässerqualität der Spree als Grundlage für die Trinkwasserversorgung Berlins langfristig nicht aus, so Lücking.

Mittlerweile hat das Thema auch die Berliner Politik erreicht: „Die steigende Sulfatbelastung in den Berliner Gewässern ist besorgniserregend“, sagte die umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus Silke Gebel. Die Umweltpolitikerin hatte bereits in der Vergangenheit die Sulfatbelastung der Berliner Gewässer publik gemacht. Auf einer Podiumsdiskussion im Sommer 2014 – zu der Gebel einlud – versicherte ein Vertreter der Berliner Wasserbetriebe, sich mit der Sulfatbelastung aktiv befassen. Sollte die Gewässerqualität im Hinblick auf die Sulfatbelastung der Spree weiter sinken, könne man mit Beimischung von unbelastetem Wasser aus anderen Quellen die Einhaltung der Grenzwerte für Trinkwasser sicherstellen, hieß es von Seiten der Berliner Wasserbetriebe. Nun warnt aber der BUND, dass dieses Verfahren nicht ausreiche und bei weiter ansteigenden Sulfatwerten erhebliche Gefahren berge: „Weniger Wasser aus dem Bereich der Spree bedeutet automatisch, dass mehr Wasser aus der Havel genommen werden muss“, erklärt Lücking. Die sensiblen Schutzgebiete und Moore an der Havel könnten erheblichen Schaden davontragen – von den Kosten für die Umstellung der Wasserversorgung der Hauptstadt ganz zu schweigen, so der Wasserexperte.

Was Berlin droht, ist im Osten Brandenburgs bereits Realität. Die Wasserwerke Briesen, die rund 65.000 EinwohnerInnen von Frankfurt (Oder) im Landkreis Oder-Spree mit Wasser versorgen, haben aufgrund der erheblichen Steigerung der Sulfatwerte in der Spree unlängst beschlossen, zukünftig nur noch reines Grundwasser für die Trinkwasseraufbereitung nutzen und kein Uferfiltrat mehr. Zusammen mit Vattenfall soll jetzt eine neue Quelle erkundet werden. Dies sei jedoch eine reine „Good-will-Aktion“ des Bergbaukonzerns, berichtet die Brandenburger Landtagsabgeordnete Heide Schinowsky. Deutliche Worte fand auch der ehemalige Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes Matthias Freude. Auf der Konferenz „Abwasserbilanz 2014“ Anfang Januar 2015 in Königs Wusterhausen erklärte Freude, die Übergänge nach Berlin seien heute schon nah am Grenzwert von 250mg/l. Man habe „ein Riesenproblem“ mit dem Sulfat und sei von einer finanzierbaren Lösung weit entfernt. Eine mögliche Variante könne die Anhebung des Grenzwerts sein, regte Freude an. Die Kapitulation vor dem Sulfat-Problem dürfte Freude indes nicht weiter belasten. Der neue Umweltminister in Brandenburg Jörg Vogelsänger (SPD) enthob den profilierten Umweltexperten einen Tag später seines Amtes, aus Gründen von „Umstrukturierungen“, wie es aus dem Umweltministerium hieß.

„Im Prinzip ist die Schuldfrage klar. Nach dem logischen Verständnis müsste Vattenfall als Betreiber der Tagebaue für die Schäden aufkommen, aber der Teufel steckt wie immer im Detail“, sagte Schinowsky. Da die von der SPD geführten Brandenburger Landesregierungen in den letzten zwanzig Jahren keine Grenzwerte in den Genehmigungen der Tagebaue festschreiben haben lassen, kann der Konzern nicht eindeutig in die Verantwortung genommen werden, so Schinowsky.

In einer Sitzung des Brandenburger Braunkohlenausschusses im Dezember 2014 wurden die Befürchtungen der Brandenburger Grünen bestätigt. Es werden keine Maßnahmen unternommen, um die Sulfatfrachten aus den Brandenburger Braunkohle-Tagebauen einzudämmen, hieß es bei der Sitzung von Vattenfall. Der Energiekonzern betreibe seine Tagebaue auf Basis von Genehmigungen, bei denen keine Grenzwerte für Sulfate vorgeben wurden, sagte ein Vertreter. Vattenfall wolle sich aber an Maßnahmen im Rahmen eines Sulfat-Managements der drei Länder Brandenburg, Sachsen und Berlin beteiligen. Der Vertreter von Vattenfall ließ die Mitglieder des Ausschusses jedoch im Unklaren darüber, wie die freiwillige Beteiligung ausgestaltet sei.

Wenn es nach dem Willen der Brandenburger SPD geht, die mit den LINKEN in Potsdam gemeinsam regiert, sollen auch in Zukunft keine Grenzen für Sulfate festgesetzt werden. So genehmigte Anfang des Sommers 2014 die rot-rote Landesregierung den neuen Tagebau Welzow Süd II. Obwohl Umweltverbände, Betroffene und Gutachter eindringlich für Maßnahmen zur Reinhaltung des Wassers plädierten, wurde hierzu nichts festgeschrieben. Bei der geplanten Flutung des Tagebaus Cottbus Nord – der demnächst ausgekohlt ist – wird der Sulfatwert nach den Vorstellungen von Vattenfall 500 mg/l betragen. Der zukünftige „Ost-See“ soll dann sein Wasser in die Spree einspeisen.

In Berlin stößt das Verhalten der Brandenburger auf massive Kritik. "Es ist eine Illusion, dass wir nicht durch den Abbau der Braunkohle in der Lausitz betroffen sind. Berlin liegt am Ende der Kette. Der Senat muss neuen Tagebauen in Brandenburg wie Welzow Süd II über die gemeinsame Landesplanung die Rote Karte zeigen“, fordert Gebel. Es müsse Vattenfall als Verursacher stärker herangezogen werden, jenseits der aktuellen Diskussion über den Verkauf, fordert Silke Gebel: „Es kann nicht angehen, dass Milliarden nach Schweden transferiert werden und die BerlinerInnen für die Beseitigung der Schäden aufkommen müssen“, so die Umweltexpertin der Berliner Grünen. Die potentiellen Kosten für den Umbau der Infrastruktur der Berliner Trinkwasserversorgung kann derzeit noch niemand abschätzen. „Wir brauchen endlich eine Kostenabschätzung und eine Strategie zum Umgang mit der steigenden Belastung“ sagt Gebel.

Weiterführende Links:

http://www.braunespreewatch.de/

http://www.kein-tagebau.de/index.php/de/

https://www.greenpeace.de/themen/energiewende/fossile-energien/braunkohle-groessenwahn-der-lausitz

https://www.lausitzcamp.info/

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