Die Mauer fiel nicht einfach so - mutige Menschen brachten sie zum Einsturz!

13.11.2019

Am 13.11. 2019 fand im Europäischen Parlament eine Feierstunde zum 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer statt. Meine Rede finden Sie hier im Video und Wortlaut (Deutsche Übersetzung):

Vor 30 Jahren fiel die Mauer nicht einfach so. Sie wurde von mutigen Menschen zu Fall gebracht. Von Menschen, die sehr hohe und sehr konkrete persönliche Risiken eingegangen sind, die für faire und freie Wahlen, für die Meinungsfreiheit, für ein Ende des Eingesperrtseins und die ständige Beobachtung kämpften. All diese Dinge, die wir heute für selbstverständlich halten. Damals konnten diese Forderungen zu Gefängnis oder Folter führen, man konnte den Job oder alle sozialen Verbindungen verlieren.

Doch trotz all dieser Risiken gingen die Menschen auf die Straße, schon lange vor 1989, und gaben nie auf. Es ist dieser Mut, der die Welt verändert hat, und es ist dieser Mut, der die Welt auch heute noch verändert.

Auch heute müssen wir wachsam sein und dürfen die Lehren aus 89 nicht vergessen: Die Demokratie muss jeden Tag aufs Neue erstritten werden. Bei allem, das wir hier, in diesem Parlament, aber auch überall in Europa tun. Denn leider gibt es Regierungen in Europa, die versuchen, Demokratie Stück für Stück zu demontieren. Das ist eine Schande, vor allem angesichts der Opfer, die die Menschen in Ländern wie Ungarn gebracht haben, um ihr Land zu befreien.
Diejenigen, die Universitäten schließen, die die Zivilgesellschaft schikanieren und Mauern gegen Flüchtlinge bauen, verraten die Demonstranten von 89!

Freiheit ist etwas, das auch täglich erweitert werden muss. Zu viele Menschen sind in dieser Welt immer noch nicht frei, nicht frei für das, was sie sind, wen sie lieben oder woher sie kommen. Wir sind alle Bürger dieser Welt, frei und gleich geboren. Diskriminierung und Hass dürfen sich nicht durchsetzen.

Die Meinungsfreiheit wird auch eingeschränkt, wenn Menschen die sich politisch und gesellschaftlich engagieren, Hass und Drohungen ausgesetzt sind. Wenn Menschen dort tagtäglich mit Bedrohungen konfrontiert werden, dann ist das ein Problem für die Meinungsfreiheit und die Demokratie.

Ständige Beobachtung wird wieder zum Trend, aber wir sollten nie vergessen, was uns die Geschichte lehrt. Kontrolle und ein Überwachungsstaat führen nicht zu Freiheit und Sicherheit, sie beenden beides. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird, und jedes Gesetz, das wir hier verabschieden, muss deshalb auch dann funktionieren, wenn Regierungen es nicht gut meinen.

Die Welt hat sich in den letzten 30 Jahren stark verändert. Die Grenzregion, die einst Deutschland teilte, wo Hunderte von Menschen ihr Leben verloren, als sie versuchten, sie auf der Suche nach Freiheit - oft mit Hilfe anderer - zu überqueren, Heute ist es ein Naturschutzgebiet, das Klima und Biodiversität für zukünftige Generationen sichert und zum Symbol der Hoffnung wird.

Die Grenzen, die Europa trennten, sind zu Orten geworden, an denen sich Menschen treffen und kennenlernen. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Es gibt auch heute noch viele Mauern, die abgerissen werden müssen. Es gibt heute wie damals viele Menschen, die nach Freiheit suchen. Lasst uns ihnen nicht den Rücken kehren, lasst uns nicht vergessen, was es bedeutet, nach Freiheit zu suchen, sie nicht zu haben und sie dann zu erlangen.

Ohne die mutigen Menschen vor 30 Jahren wäre ich heute nicht hier, ebenso wie viele andere Kolleg*innen. Europa, wie wir es kennen, existiert nur, weil eine Mauer, die uns alle teilte, schließlich zu Fall gebracht wurde. Aber der 9. November 1989 ist kein Datum, zu dem wir nur Gedenkreden halten und uns gegenseitig dazu gratulieren sollten, wie gut es damals funktioniert hat. Ich glaube, es ist ein Jahrestag, um uns daran zu erinnern, mutig zu sein, die Mauern niederzureißen, die uns trennen, und die Veränderung zu sein, die wir in der Welt sehen wollen.

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