Bergbaufolgen: Das Leiden der Spree

12.05.2016

Die Spree (sorbisch Sprjewja/Sprewja) entspringt im Oberlausitzer Bergland und schlängelt sich knapp 400 Kilometer durch Sachsen, Brandenburg bis zur Mündung in die Havel in Berlin-Spandau. Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung der Spree findet sich 965 als Sprewa in einer Urkunde Ottos I. Der Name soll aus der germanischen Grundform von „spreu̯“ (stieben, säen, sprengen, sprühen) stammen. Bei ihrem Weg durch Ostdeutschland durchquert die Spree aus die Lausitzer Braunkohleabbaugebiete.

Für den Braunkohlebergbau in der Lausitz war und ist eine massive Grundwasserabsenkung erforderlich, damit die Abbaugruben nicht geflutet werden. Der Grundwasserspiegel muss bis zu einer Tiefe von 100 Metern unter der Geländeoberkante abgesenkt werden. Durch die Grundwasserabsenkung kommt das im Untergrund vorhandene Mineral Pyrit (FeS2, auch Schwefelkies oder Katzengold genannt) mit Sauerstoff in Kontakt. Der Kontakt mit Sauerstoff und Wasser setzt einen Verwitterungsprozess in Gang, der zur Entstehung von gelöstem Eisen, Sulfat und zur Entstehung von Säure führt. Mit dem Grundwasserwiederanstieg werden die Verwitterungsprodukte ausgewaschen und gelangen in die Gewässer der Lausitz bzw. in die Spree. Weitere Einträge erfolgen über Sickerwasser der Abraumablagerungen innerhalb und außerhalb der Tagebaue sowie durch Direkteinleitungen infolge der Tagebauentwässerung. Das gelöste Eisen flockt anschließend in den neutralen Gewässern in Form von Eisenhydroxid (sogenanntes Eisenocker) aus. Es setzt sich je nach Fließgeschwindigkeit und Verweildauer als Eisenhydroxidschlamm am Gewässergrund ab. 

Die Einleitung eisenhaltigen Wassers in die Gewässer kann infolge toxischer Wirkungen zur direkten Verarmung der Fauna sowie zur Beeinflussung der Flora im Gewässer führen. Beispielsweise können Konzentrationen von 2 bis 3 mg/l an gelöstem zweiwertigem Eisen zu einem Komplettausfall der Fischbrut führen. Starke Konzentrationen an Eisenflocken können die Kiemen der Fische verkleben. Ablagerungen von Eisenhydroxidschlamm am Gewässergrund führen zum Absterben von Bodenlebewesen und Wasserpflanzen, was sich wiederum auf die nachfolgende Nahrungskette auswirkt. Auch eine zu starke Versauerung ist tödlich für die meisten Tiere und Pflanzen in den Gewässern. 

Das aus der Pyritoxidation gebildete Sulfat wird ebenfalls mit dem wieder aufsteigenden Grundwasser ausgewaschen und in die Spree transportiert. Auch aus den Kippen des aktiven Bergbaus in Sachsen und Brandenburg gelangen hohe Sulfatmengen in die Spree. Sulfat gefährdet mittelfristig über die Spree aber die Trinkwassergewinnung der Hauptstadt Berlin und Frankfurt (Oder). Der Grenzwert von Sulfat im Trinkwasser beträgt 250 mg/l. Sulfat ist sehr reaktionsträge und wird im Fließgewässer sehr weit verfrachtet. Beim längerfristigen Genuss von sehr sulfatreichem Wasser können Störungen im Verdauungssystem des Menschen auftreten. Weiterhin kann Sulfat vor allem ältere Betonbauwerke, wie z.B. Brücken, schädigen. Höhere Sulfatgehalte können zudem zu verstärktem Algenwachstum in Seen führen. 

Die Auswirkungen des jahrzehntelangen Intensiv-Bergbaus in der Lausitz lassen sich schon heute überall in Sachsen und Brandenburg bemerken. Dadurch ist nicht nur die Trinkwaserversorgung bedroht, ist auch mit dem Tourismus steht ein ganzer Wirtschaftszweig. Sollte die Verockerung bis in den inneren Spreewald vordringen, werden Touristen ausbleiben, denn niemand möchte in einer ocker-braun verschlammten Region Urlaub machen. 

Nachdem in den letzten Jahren zunehmend aus internationale Gas- und Ölkonzerne die Region links und rechts der Spree entdeckt haben und sich Claims sicherten, droht womöglich weiteres Ungemach. Sollten die Konzerne die umstrittene Fördertechnik „Fracking“ einsetzen, bei der ein Chemiecocktail in die Erde gepumpt wird um das Erdgas bzw. Erdöl zu fördern, kann es zu massiven Verschmutzung des Grundwassers kommen, wie Beispiele aus den USA zeigen.

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